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個体を小さくし、数を増やす

今年の夏はドイツでも本当に暑かった。東北部に当たる旧東独地域では雨が降らず、旱魃で穀物の収穫が大幅に減ったといわれた。普通ドイツでは夏も雨ばかりで、だから昔は太陽を求めてイタリヤやギリシャなどの南欧へバカンスに出かけた。                                    今年はミュンヘンなどの南ドイツも毎日いい天気で雨もあまり降らなかった。北極圏でも30度近くになり、永久凍土がとけだしたいう。これは多くの人々が恐れていたことだ。この結果それまで氷の中に閉じ込められていた大量のメタンガスなど炭化水素が報酬されて温暖化現象を決定的にするからだ。           温暖化現象などあまり考えないほうだった。ずっと先のことだと思うことにしていた。昔、はじめてこのテーマについて読んでいると、ドイツも砂漠のようになると書いてあったが、ピンと来なかった。ずっと後になってスペインへ行くようになって緑が乏しい岩山が多く、昔は木が生えていたと聞いてイメージがわいた。その後、地球各地でそれも北のほうで山火事が多くなる。こんなことが繰り返されるうちにだんだん砂漠のようになって行くのかと思われた。            夏が終わった頃、我が家の庭の隅っこにあるプラムの木を見て驚く。日当たりが悪いところにあるせいか丈も小さく、毎年私もプラムの木ですよ、という感じでご愛想程度実がなる。数えることができるくらいで、あまり美味しくない。ところが、今年は仰天した。こんなたくさんの実を見たことがないほど数が多い。食べると甘く美味しい。平年と比べてはるかに小粒であった。小さくなった分だけ味がいいように感じられた。毎日のようにそこへ行き食べているうちに、ある生態学者のいったことが思いだされた。彼は日本人で、昔京都とアフリカのキャンプの途中にミュンヘンに来て我が家によく滞在した。                   彼によると、自然界には原則のようなものがあり、種は自分の生存が脅かされると、繁殖に際して個体を小さくし、その数が無闇と増大するそうだ。プラムの木を見ていて、このことが思い出されて、少しイヤな気持ちがした。このプラムの木もこれから地中の水が少なくなるのを予感し、少しでも子孫を残すために個体を小型にして数を増大させる種の生存ストラテジーをとって、種の絶滅の可能性を少なくしているのであろうか。                           でもこのような生存ストラテジーを取らない生物もいる。有名な例は恐竜で、ホモ・サピエンスも各個体を見ると大きくなるようにみえる。

それはそうと、このプラムはドイツ語でZwetschgeで美味しい。名残り惜しい感じがしてきて、 私は脚立を取り出して立て可能な限りたくさん収穫した。ジャムにしてもらうためである。

 

 

「日本はもう一度戦争してくれ」

ブザーが鳴ったので玄関を開けると、DHLの運送車がとまっている。また誰かがネットで買い物をしたのだ。荷物を受け取りながら、漢字でサインした。それを見たDHLのトラック運転手兼配達人は「日本人か」と訊く。そうだと肯定すると、彼は少し嬉しそうな顔して、自分はシリア人だといった。確かに色が浅黒く、ドイツ人には見えない。「日本はまた米国と戦争してくれ。米国こそ私たちの国を破壊したのだ」と彼はいう。私はたまげて、「日本は戦争に負けたし、核兵器もないし、(少し笑いながら)もうそんな元気などない」というと、彼は「核兵器もミサイルもいくらでもつくることができるはずだ」という。私は苦笑しながら、「問題は戦争で解決できない」とか賢そうなことをいうだけで、そのうちに彼は次の配達先へ向かった。

ドイツ、また西欧社会では米国のすることを、このシリア人のように考えている人は少ない。でも私は1999年のコソボ戦争以来、「アラブの春」とか「XX革命」とかいって演出された民主化運動から始まって内乱になるレジームチェンジの背後には米国がいると思っている。未来に希望のないアラブのたくさんの若者たちに武器を渡し、組織している人々がいるはずである。また米のドローン攻撃を遠隔操作している米軍基地はドイツにあるので、このようなバックグラウンドを考えると2015年の「難民歓迎文化」もとんでもない話であることがわかる。

 

 

 

 

Hiroshima liegt auf dem Mars

Aus: Süddeutsche Zeitung, Feuilleton 22.10.99

南ドイツ新聞文芸欄、1999年10月22日、17頁

 

Hiroshima liegt auf dem Mars

Warum ist das japanische Volk so auf die Kernenergie fixiert?

Die Japaner tanzen auf einem Vulkan. Immer munter, immer weiter. Dieser Eindruck stellt sich ein, wenn man nach der Beinahe-Katastrophe in Tokai-Mura hören muss, dass die japanische Regierung an ihrem Atomprogramm festhalten will. So werden zusätzlich zu den vorhandenen 51 Atommeilern noch 20 gebaut werden. Ausserdem wird auch an der Brütertechnik herumgewurstelt, um “die vom Rest der Welt zu Unrecht im Stich gelassene Technologie zum Wohle der Menschheit in das kommende Jahrtausend hinüber zu retten”. Man muss sich wundern, wie ausgerechnet das Volk, das den Abwurf von zwei Atombomben erfahren hat, mit so vielen Atomkraftwerken leben kann? Tatsächlich stellt sich Japanern die Frage nach den Gefahren der Kernenergie nur selten, weil sie nie auf die Idee kämen, Atomkraftwerke mit Atombomben in Verbindung zu bringen. Hier liegt offensichtlich eine Denkblockade vor, sich die Dimensionen eines nuklearen Unfalls auszumalen, weswegen die meisten Japaner ein atomarer GAU so wenig schreckt, wie die Störung in einer Müllverbrennungsanlage.

Denkblockade

Liest man in japanischen Zeitungen über die Beinahe-Katastrophe in Tokai-Mura, fällt auf, dass jeder Hinweis auf Hiroshima und Nagasaki vermieden wird. Statt dessen findet man den Ausdruck “Kritikalitätsunfall”. Leser ohne physikalische Fachkenntnisse werden ihn nicht verstehen. Dabei hätte die unkontrollierte, von bläulichem Licht illuminierte Kernspaltung innerhalb des Reaktors durchaus Folgen haben können, die den Schäden nach einem Atombomben-Abwurf vergleichbar sind: Strahlentod, eine kontaminierte Erdoberfläche, Leukämie usw. Die verharmlosende Darstellung in den Medien ist Ausdruck jener Denkblockade, weshalb man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass für Japan Hiroshima auf dem Mars liegt.

Die Bilder, die die japanische Erinnerungskultur über Hiroshima aufbewahrt hat, haben im Bewußtsein der Japaner nichts mit den modernen Atomkraftwerken zu tun. Diese Bilder, die Angst und Furcht einflößen, zeigen Menschen mit herabtropfenden Hautfetzen oder Opfer mit “Kelojd” genannten Entstellungen. Sie zielten ausdrücklich darauf, “die Hölle auf Erden” darzustellen. Denn Hiroshima soll nach der Logik dieser Erinnerungskultur eben wegen der dort stattgefundenen “Hölle” seine “Friedenskraft” in die ganze Welt ausstrahlen. So glaubten in der kältesten Zeit des kalten Krieges viele Japaner daran, dass die Politiker der Großmächte, allen voran die amerikanischen, mit gereinigtem Herz und voller Reue ihre Atombomben abschaffen würden, wenn sie Hiroshima betreten hätten. Verdankt man es also dieser heiligen “Friedenskraft”, dass Hiroshima jetzt auf dem Mars gelandet ist?

Nachdem Japan 1951 seine Souveränität wieder gewonnen hatte, erschienen zahlreiche Bücher zu dem von der amerikanischen Besatzungsmacht geächteten Thema Atombombenopfer. Im Vorwort eines damaligen Bestsellers, “Kinder in Hiroshima”, schreibt der Herausgeber: “Ich glaube nicht, dass das Sterben von 247 000 Menschen nur die Explosion eines launischen Knallers war. Ich bin fest davon überzeugt, dass es uns mit Hilfe unserer moralischen Kraft gelingen wird, nur die guten Eigenschaften der Atomkraft zur Geltung zu bringen, indem wir den Weg zur friedlichen Nutzung der Atomenergie beschreiten.”

Nicht nur diese Stelle, sondern auch viele Diskurse über Hiroshima belegen, dass diese Erinnerungskultur eigentlich eine Variante des japanischen Totenkults ist, bei dem es sich um die nachträgliche Sinnstiftung des sonst sinnlosen Atomtodes (= “Explosion eines launischen Knallers”) handelt. Für unseren energiepolitischen Kontext ist es daher wichtig festzuhalten, dass man es in Japan jetzt nicht mit gewöhnlichen alten “Kerntechnikfreaks” zu tun hat, die es in allen Industriestaaten gibt, sondern mit einer breiten Befürworter-Generation, die in ihren jungen Jahren mit dieser Sinngebung des sinnlosen Atomtodes zu tun hatte.

Doch gibt es in den für die Energiepolitik zuständigen Ministerien in Tokio auch Beamte, die der offiziellen Atompolitik skeptisch gegenüber stehen. Vor allem junge Japaner glauben nicht mehr an die Zukunft des Atomstroms. Im Bereich Kernforschung spricht man schon von Nachwuchsmangel. Auch in den Medien melden sich kritische Stimmen. Es gibt Bürgerbewegungen, die sich gegen den Bau neuer Atomkraftwerke wehren. Selbst in der Elektrizitätsbranche wird hinter vorgehaltener Hand über horrende Liefer-Preise von Brennelementen gewitzelt, die eines Tages von der japanischen Wiederaufarbeitungsanlage kommen sollen.

Warum bewegt sich dann nichts? Tatsächlich gibt es noch eine weitere Denkblockade, die sich um das nationale Selbstverständnis herum etabliert hat. Diese Blockade betrifft einen energiepolitischen Gesichtspunkt, der in Deutschland verschwunden zu sein scheint. Dabei handelt es sich um den in Japan “Energy Security” genannten Komplex, mit dem eine gute Energiepolitik eine stabile Energieversorgung gewährleisten soll.

Inselmentalität

Die Importquote auf dem Energiesektor ist in Japan sehr hoch. Das erweckt den Eindruck, dass die Energieversorgung “auf wackligen Füßen steht”. Aber ist nicht gerade der reale Boden sehr “wackelig”, auf dem viele Atomkraftwerke stehen, da das ganze Inselreich Erdbeben gefährdet ist? Es kann sein, dass viele Herkunftsländer, von denen Japan Erdöl bezieht, auf politisch instabilen Gebieten liegen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass in allen Öl-Herkunftsländern Kriege ausbrechen und Japan “keinen Tropfen Öl” mehrt bekommt? Dewnnoch denken viele Japaner eben dies; für sie liegt Japan gewissermassen außerhalb der vorhanden Staatenwelt. Das hat mit “Inselmentalität” zu tun, die von den Japanern selbst gerne kritisiert, aber gleichzeitig auch als Beleg dafür gilt, dass es nicht anders geht.

Wenn das Argument: Sicherung der Energieversorgung in einer Diskussion aufkommt, erscheinen AKW-Gegner darum in den Augen der Öffentlichkeit schnell als Utopisten, die Japan als Industrienation in den Ruin treiben wollen. Wo kommt das her? Wenn es um die Selbst-Definition eines Volkes als Industrienation geht, verhalten sich die Deutschen nicht sehr viel anders. Warum aber hat das Abhängigkeits-Argument in Japan eine so starke Durchsetzungskraft? Hat das mit Emotionen (Ängsten, Sehnsüchten usw.) zu tun, die im kollektiven Gedächtnis dieses Volkes gespeichert sind? Die japanische Angst, in totale Öl-Abhängigkeit zu geraten, erscheint ja auch deswegen so absurd, weil die Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln genau so hoch ist. Diese kümmert aber nur wenige.

Eine Erklärung dieser Diskrepanz liefert die erste Ölkrise von 1973/74. Von vielen Japanern wird es so dargestellt, als habe man diese Krise, gerade weil man ihre Bedeutung erkannt und entsprechend reagiert habe, als Sprungbrett für den späteren wirtschaftlichen Erfolg nutzen können. Tatsächlich fürchteten viele Japaner damals, kein Erdöl mehr zu bekommen und so ihren bescheidenen Wohlstand zu verlieren. Ihre teils übertriebene Angst, ja Panik läßt sich damit erklären, dass sich die Japaner 1973/74 an das 1941 von den USA über ihr Land verhängte Wirtschaftsembargo erinnerten. Dass der Ölhahn damals von den Amerikanern zugedreht wurde, sei nach einem in Japan gängigen Geschichtsverständnis der Anfang vom Ende gewesen. Aus Angst davor, dass sich seine Ölreserven bald erschöpfen könnten, habe Japan, wie “die von der Katze bedrohte Maus” mit dem Angriff auf Pearl Harbor geantwortet, der dann allerdings tatsächlich in die nationale Katastrophe einmündete. So gesehen ist die nun imaginierte Drosselung der Erdöllieferungen mit negativen Erfahrungen verbunden, die sich hartnäckig im kollektiven Gedächtnis halten und eine reflexartige Angst auslösen. Dabei gerät das zu den jeweiligen Zeitpunkten (1941, 1973/74 und jetzt) völlig unterschiedliche, internationale Umfeld Japans völlig aus dem Gesichtsfeld. Dass die Erzählung von der erfolgreichen Überwindung der Ölkrise 1973/74 diese nationale Angststruktur eher befestigte, zeigt sich auch daran, dass der Aspekt der Sicherung der Energieversorgung bei jeder atompolitischen Diskussion wie eine Trumpfkarte ausgespielt wird. Das japanische Atomprogramm ist ein Werk tüchtiger Elitebeamter. Es ist im Geist einer Vätergeneration geschrieben worden, die von einem autark funktionierenden, asiatischen Wirtschaftsblock träumte. Doch der damalige großasiatische Lebensraum ist jetzt auf eine “Aladin’s Wunder-Lampe” genannte Brütertechnik zusammengeschrumpft.

TAN MINOGUCHI

Entbräunungsserenade

南ドイツ新聞学芸欄 1999年7月12日、14頁

 

Süddeutsche Zeitung FEUILLETON Montag, 12. Juli 1999, S. 14

 

Entbräunungs-Serenade            

 Ein deutsches Modell für die Vergangenheitsbewältigung in Japan?

In diesem Land wird man nur mit Mühe nachvollziehen, was sich im comicsüchtigen Japan derzeit abspielt. Nicht die Rede eines Dichters, sondern ein Comic löste dort hitzige Diskussionen über die eigene Vergangenheit aus. Yosinori Kobayashis “Senso-ron” (“Abhandlungen über den Krieg”), ein Comic, der sich auf 380 Seiten mit dem Zweiten Weltkrieg in japanischer Sicht befaßt, wurde zum Bestseller. Kobayashi handelt alle einschlägigen Aspekte ab, von den Greueltaten japanischer Soldaten bis zur Kriegsschuldfrage, und gibt sich dabei unverblümt nationalistisch. Die zur Prostitution gezwungene “Trostfrauen” etwa seien durchweg Professionelle gewesen. Mit Hinweisen auf solche, im Einzelfall tatsächlich belegte Fälle, glaubt er, allgemein die Ehre der japanischen Nation retten zu können. Das gleiche Auslassungsprinzip wird freilich auch von Kobayashis Gegnern praktiziert.

Sein Fazit: Japan kann nicht nur seine Vergangenheit, sondern alle Probleme der Gegenwart, einschließlich der Bankenkrise, bewältigen, wenn sich nur alle Japaner so zur Nation bekennen würden, wie dies einst die Kamikaze-Flieger getan hätten, die ihr Leben für das Vaterland opferten.

Man spricht deutsch

Als man in den achtziger Jahren in Japan ernsthaft die japanische Vergangenheit zu diskutieren begann, nahm man sich deutsche Diskussionen zum Vorbild – vielen japanischen Intellektuellen galt Deutschland gewissermaßen als “Vergangenheitsbewältigungsmeister”. So wurde denn die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Japan mit großer Begeisterung aufgenommen. In vielen Kreisen studierte man sie beinahe so fleißig wie anderswo die Bibel. Diese Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wurde auch von Politikern unterstützt, die ihr Land aus der Isolation in Asien herausführen wollten.

Dennoch ist die Bilanz eher traurig – sehr weit ist die japanische Vergangenheitsbewältigung nicht vorangekommen – und die Richtung weist heute eher rückwärts. Es sieht leider so aus, als ob die Zahl der “Ewiggestrigen” in Japan eher zu- als abgenommen habe. Warum aber gelingt es den Japanern nicht, ihre Vergangenheit nach deutschem Beispiel zu bewältigen?

Die Antwort ist simpel. Das “deutsche Modell” ist nicht so einfach zu kopieren wie zum Beispiel der Umgang mit klassischer Musik. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß japanischen Befürwortern des “deutschen Modells” sich die deutsche Vergangenheitsbewältigung als eine für die “Entbräunung” der Japaner dienliche Musik darstellt.

Es klingt absurd, aber es entspricht ganz der Realität: Japaner (Journalisten, Zeithistoriker usw.) suchen in Deutschland nach der japanischen Vergangenheit. Wenn es etwa heißt, die Deutschen fahndeten nach “Kriegsverbrechern”, dann haben japanische Leser den Eindruck, das deutsche Volk setze das Nürnberger Militärtribunal der Alliierten in eigener Regie fünfzig Jahre später immer noch fort. Und im Lichte dieses Mißverständnisses sehen die Menschen in Japan – das seine an Kriegsverbrechen beteiligten Soldaten einfach laufen ließ – auch ihre Vergangenheit in Deutschland “bewältigt”. Handelt es sich dabei also um eine beispielhafte ethnozentrische Unfähigkeit, ein fremdes System zu verstehen?

Was machen umgekehrt Deutsche in Japan? Unterwegs auf ihrer Suche nach unbewältigter Vergangenheit in der japanischen Gesellschaft stoßen sie immer wieder auf “braune Japaner” oder auf “Nanking-Leugner” – viele Menschen, von denen die japanischen Kriegsgreuel in China schlichtweg abgestritten werden; Anhänger der “Auschwitz-Lüge” sind in Japan dagegen eher Ausnahmen. Ist aber mit dem, was sie in Japan als “unbewältigte Vergangenheit” erkennen, wirklich die japanische Vergangenheit gemeint oder verwechseln sie diese mit der deutschen?

Häufig wird hier übersehen, daß beide Staaten völlig unterschiedliche internationale Umfelder haben. Wie würden die asiatischen Nachbarvölker, die keine postnationalen Staaten sind, reagieren, wenn zum Beispiel ein japanischer Politiker sagen würde, der Tag der japanischen Kapitulation – der 15. August 1945 – sei ein Tag der Befreiung gewesen? Wahrscheinlich würden die Nachbarvölker ihn auslachen oder heftig protestieren, und die Japaner selbst würden ohne Ausnahme den Kopf schütteln.

Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen bezieht sich der Begriff der jüngeren Vergangenheit wesentlich auf das “Dritte Reich”, vor allem auf den Holocaust, die Ermordung der europäischen Juden. Die japanische Vergangenheit hingegen ist eindeutig der 1945 zu Ende gegangene Krieg. Mit dieser Vergangenheit, das heißt, mit dem verlorenen Krieg schlägt sich die Gesellschaft noch heute herum. Und sie ist tatsächlich unbewältigt in dem Sinne, daß sie unreflektiert geblieben ist.

Für die Pazifisten, die nun Anhänger der deutschen Vergangenheitsbewältigung geworden sind, gilt der Krieg als das absolut Böse. Bisweilen kann man sich des Eindrucks freilich nicht erwehren, sie machten damit auch dem Weltpolizisten, der ihr Land besiegte, nachträglich moralische Vorwürfe: indem sie schlichtweg alle Kriege für böse erklären. Eine solche Deutung würde den in der Tat entlastenden Schluß nahelegen, daß ausnahmslos alle Völker böse sind.

Während des Kalten Krieges wurde von der pazifistisch gesinnten Opposition ein außenpolitisches Konzept vertreten, das eine Lähmung der parlamentarischen Demokratie in Japan herbeiführte – das Konzept der unbewaffneten Neutralität: Demnach sei der Weltfrieden dadurch zu sichern, daß nicht nur Japan, sondern alle Staaten, die USA voran, umfassend abrüsteten. Der Weltfrieden war ja in der Tat eingetreten, als Japan, das gegen den Rest der Welt Krieg geführt hatte, am 15. August 1945 kapitulierte. Sprach sich also in diesem pazifistischen Konzept das Wunschdenken aus, die USA könnten die ganze Welt befrieden, wenn sich dieser Kapitulationsakt allüberall wiederholte? Dann wäre dieser Pazifismus nichts anderes als eine imaginäre Fortsetzung des verlorenen Krieges ohne Waffen.

Man sieht, auch Pazifisten können verkappte Nationalisten sein. Außerdem wird deutlich, wie dehnbar der japanische Vergangenheitsbegriff ist. Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, als führte das Volk einen imaginären Krieg in der Vergangenheit wie in der Vorvergangenheit, in Gegenwart und Zukunft. So heißen zum Beispiel im Ausland tätige japanische Geschäftsleute “Unternehmenssoldaten”. Stagniert wegen der Bankenkrise das Wirtschaftswachstum, dann ist das “die zweite Kapitulation”. Auch sind viele Japaner davon überzeugt, daß der Zweite Weltkrieg bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen habe, als die europäischen Imperialisten in Asien erschienen.

Innere Kapitulation

Die Vergangenheit bestimmt also weiter die Gegenwart ? als wäre sie der Büchse einer japanischen Pandora entwichen, und man versteht, warum in Japan der Umgang mit der Vergangenheit, wie man ihn in Deutschland pflegt, so positiv bewertet wird. Dabei wird jedoch gern übersehen, daß dieses bewunderte System der deutschen Vergangenheitsbewältigung vor allem auf zwei Prinzipien basiert, die der japanischen Kultur und Gesellschaft unbekannt sind und die für eine Stabilität des nationalen Selbstbewußtseins in Deutschland sorgen.

Das erste Prinzip ist das der Individualisierung von Schuld und Verantwortung, das die Kollektivschuldthese, die das deutsche Volk in eine Art Pauschalhaftung nahm, erfolgreich relativierte. Dieses Prinzip verdankt sich vor allem zwei Elementen, die es in Japan nicht gibt: Das eine war der völlige Zusammenbruch der staatlichen Struktur des Deutschen Reichs, das Erlebnis eines finis Germaniae, das in der inneren Kapitulation der einzelnen Individuen seine Entsprechung fand. Das zweite Moment war eine in Deutschland noch bestehende religiöse Prägung der Gesellschaft, die eine individuelle Zuordnung von Schuld und Verantwortung ermöglichte.

Das zweite, in Japan unbekannte Prinzip war eine strikte Trennung zwischen dem “sauberen” Krieg und den Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Diese -nicht zuletzt durch die “Wehrmachtsausstellung” – nachdrücklich in Frage gestellte Unterscheidung fand lange Zeit ihren Niederschlag in Politikerreden, in denen das Bild des “tapferen Frontsoldaten”, der sich für das Wohl der Heimat opferte, mit dem der Nazi-Verbrecher konfrontiert wurde, die hinter der Front sengten und mordeten. Diese “saubere” Trennung, die zunächst in den Biographien der Frontsoldaten für Sinnstiftung sorgte, wurde zum Prinzip gehärtet, als Deutschland im Kalten Krieg in das atlantische Verteidigungsbündnis eingegliedert wurde.

Beide Prinzipien sollten dazu beitragen, Verantwortung und Schuld für die Vergangenheit individuell zu begrenzen und so zu verhindern, daß die Vergangenheit zu einer nationalen Angelegenheit wurde. Diese Voraussetzungen waren in Japan jedoch nicht gegeben, denn der totale Krieg, auf den sich der japanische Vergangenheitsbegriff konzentriert, ist im kollektiven Gedächtnis des Landes eine ganz und gar nationale Sache.

Durch die Betonung der “Erinnerung” ist man in Deutschland jetzt bestrebt, die Geltung dieser Prinzipien langsam abzuschwächen. Daß dies möglich ist, spricht für eine hohe Flexibilität des deutschen Systems der Vergangenheitsbewältigung, das sich dem Generationswechsel ebenso geschmeidig anpaßt wie den seit Ende des Kalten Kriegs grundlegend veränderten außenpolitischen Anforderungen, bei denen insbesondere die Belange der Menschenrechte eine immer größere Rolle spielen. Der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit stellt sich so als ein kulturell bedingtes und historisch gewachsenes System dar, das nicht mit der Partitur einer “Entbräunungsserenade” verwechselt werden darf, die japanische Musikanten einfach nachspielen könnten.

TAN MINOGUCHI

SIND DIE JUNGEN MÄNNER, die in dieser verzweifelten Situation auf den Tod gefaßt waren, wahnsinnig gewesen, wie es uns später gesagt worden ist? – Im Comic Senso-ron von Yosinori Kobayashi ist das die Frage.

Abb.: Verlag

Feuilleton 12.07.1999